Kirche, Keuschheit und Kabäuschen

Heiligen-Geist-Hospital in Lübeck

Sieben Vaterunser für die frommen Stifter

Arme, Alte und Kranke – im Mittelalter gab es in der Hansestadt viele Bedürftige, die so genannten "Menschen minderen Glücks", die auf die Hilfe und Almosen betuchter Mitmenschen angewiesen waren. Das Elend war allgegenwärtig, es gab aber auch viele reiche und gottesfürchtige Kaufleute und Ratsherren, die gerne halfen, die Not Bedürftiger zu lindern. Die Hilfe war nicht ganz uneigennützig, hofften die Stifter:innen doch wegen ihrer Großzügigkeit auf einen Platz im Paradies. Bestes Beispiel für diese Art der mittelalterlichen Fürsorge ist das 1286 vollendete Heiligen-Geist-Hospital, das zu den ältesten noch heute bestehenden Sozialeinrichtungen der Welt zählt. Das Hospital ist mit seiner dreigiebeligen Schaufront und den vier schlanken Türmchen, der prächtigen Kirchenhalle und dem Langhaus, in dem die Betten der Bedürftigen aufgereiht standen, eines der bedeutendsten Monumentalbauten im Stil der Backsteingotik. Zu seinem Besitz gehörten in und um Lübeck herum viele Ländereien, deren Einkünfte ausreichten, um die Armen und Kranken zu versorgen.

Wann ist das Heiligen-Geist-Hospital geöffnet?

Bei deiner Entdeckungsreise durch die Altstadt solltest du einen Besuch des Heiligen-Geist-Hospitals am Koberg unbedingt einplanen. Die reiche und kunsthistorisch bedeutende Ausstattung der Kirchenhalle wird dich beeindrucken. Gäste sind tagsüber von Dienstag bis Sonntag herzlich willkommen! Besonders nah kommst du der Welt der Menschen, die im Hospital lebten, in den Wohnkammern im Langhaus. Diese Kabäuschen genannten winzigen Räume ersetzten ab 1820 die freistehenden Bettenreihen und boten sechs Quadratmeter Privatsphäre. Eines der Kabäuschen ist heute noch so eingerichtet wie in den späten 1970er Jahren.

Jana Nitsch

Eines der Gesichter der Weihnachtsstadt des Nordens.

> Zur Geschichte

Hinter dem historischen Gebäude liegen die idyllischen Bürgergärten. Eine grüne Oase, in der du bis zur Gartenseite des Museums Behnhaus spazieren kannst. In der Vorweihnachtszeit öffnet das Heiligen-Geist-Hospital seine Türen zehn Tage lang für einen der beliebtesten Kunsthandwerkermärkte, der weltweit seines Gleichen sucht und vom Deutschen Verband Frau und Kultur e.V., organisiert wird. 2020 wird der Markt wegen der aktuellen Pandemie nicht stattfinden. Umso mehr freuen wir uns auf den Kunsthandwerkermarkt 2021!

Schon gewusst?

KUNSTSCHÄTZE IM HEILIGEN-GEIST-HOSPITAL

Besonders sehenswert sind die mittelalterlichen Wandmalereien in der Kirchenhalle. Die Stifterurkunde gibt es übrigens nicht in Papier. Die Gesichter der Wohltäter finden sich an der Nordwand der Kirchenhalle. Die prominente Anordnung in der unmittelbaren Nähe des wiederkehrenden Christus wird durch die lateinische Inschrift im Buch erläutert, das der Weltenrichter in der Hand hält: Quot uni ex minimis meis feci(s)tis michi fecitstis - was ihr einem von meinen Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan. Der direkte Bezug zwischen dem guten Werk und deren Bindung an Christus selbst wird hier deutlich: die karitative Tätigkeit diente auch dem eigenen Seelenheil der Stifter. Ein weiterer Kunstschatz ist der farbenfrohe Lettner mit 23 Tafeln eines Elisabeth-Zyklus, der um 1440 entstanden ist und Bauelemente aus mehreren Jahrhunderten in sich vereint.

LEBEN WIE IM KLOSTER

Beim Einzug in das Heiligen-Geist-Hospital verpflichteten sich im Mittelalter die Bewohner:innen zu einem Leben in Armut, Gehorsam und Keuschheit und versprachen, siebenmal am Tag für die frommen Stifter zu beten. Dafür erhielten sie ein Dach über dem Kopf, Lebensmittel und seit dem 17. Jahrhundert acht Mal im Jahr ein warmes Bad. Weithin berühmt sind die bis heute erhaltenen Kabäuschen im Langhaus, die noch bis 1970 von Senior:innen bewohnt wurden. Nur ungern zogen sie damals aus, als das bis heute bestehende Altersheim in Teilen des Hospitals umgebaut wurde. Bis zum Einbau der Kabäuschen 1820 schliefen Männer und Frauen strikt getrennt in zwei Bettenreihen. Durch die offene Verbindung zur Kirchenhalle verpassten die Armen und Kranken keine Messe und auch die Bettlägerigen nahmen zumindest akustisch immer am Gottesdienst teil. Als Verpflegung wurden täglich bis zu acht Liter Dünnbier ausgegeben, das im Gewölbekeller des Hospitals gebraut wurde. Das war für manche der Bewohner:innen dann doch zu viel des Guten und sie verkauften das überschüssige Gebräu heimlich für ein paar Pfennige auf dem Markt. War vielleicht auch besser so!

WAS FINDET IN DER ADVENTSZEIT IM HEILIGEN-GEIST-HOSPITAL STATT?

In der Vorweihnachtszeit öffnet das Heiligen-Geist-Hospital jedes Jahr seine Tore für den über Lübecks Grenzen hinaus bekannten und überaus beliebten Kunsthandwerkermarkt. Er zählt zu den schönsten und stimmungsvollsten Märkten in der „Weihnachtstadt des Nordens“. In der festlich geschmückten mittelalterlichen Kirchenhalle und in den Kabäuschen des Langhauses zeigen rund ausgewählte 150 Kunsthandwerker:innen aus Deutschland, Skandinavien, dem Baltikum und vielen anderen europäischen Ländern die Vielfalt alter und neuer Handwerkstechniken und bieten ihre handgefertigte Kunst feil. Es gibt leckere hausgemachte Waffeln, Rotspon-Glühwein und vom Lettner erklingen festliche Trompetenklänge. Nur einmal im Jahr während des Kunsthandwerkermarktes sind das Langhaus und das Gewölbe frei zugänglich. Oberhalb der Türen der bewohnten Kammern kann man noch heute einige Namen der damaligen Bewohner:innen entdecken. Die Kabäuschen waren übrigens nach oben hin offen. Nachtwächter patrouillierten auf oben montierten Planken und kontrollierten regelmäßig auf Lebenszeichen der Schlafenden.

HOPFEN UND MALZ, GOTT ERHALT’S!

Das Bierbrauen hatte im mittelalterlichen Lübeck eine große Tradition und war ein lukratives Gewerbe. Gab es doch damals kein reines, gesundes Trinkwasser, das man unbedenklich trinken konnte. Zeitweise gab es über 180 Brauhäuser in der Stadt, die meisten waren dort angesiedelt, wo sie an das Wasserleitungssystem der Wakenitz angeschlossen waren. Die Brauhäuser waren mit ihrem hohen Wasserbedarf nämlich der Grund für die frühe Wasserkunst aus den Jahren 1294 am Hüxtertor und 1302 am Burgtor. Bier wurde auch "flüssiges Brot" genannt, da es als reichhaltiges Nahrungsmittel diente, sauberer als Wasser war und von Alt und Jung zu jeder Tageszeit getrunken wurde – sogar zur Fastenzeit war es erlaubt. Es gab Stadtbier, Stopbier und Exportbier mit stärkerem Alkoholgehalt, das in den Ostsee-Raum, aber auch nach England, Holland und Flandern und in der frühen Neuzeit sogar bis nach Ostindien geliefert wurde. Das “Brauberger zu Lübeck” in der Alfstraße ist heute die einzige Brauerei Lübecks. Hier wird Zwickelbier so gebraut wie bereits im Mittelalter.

Glockenhell

Das melodische Glockenspiel im Glockenturm des Heiligen-Geist-Hospitals erklingt jeweils fünf Minuten vor der vollen Stunde und ist bei Einheimischen und Gästen der Stadt gleichermaßen beliebt. Die 18 Bronzeglocken spielen Menuette von Haydn oder Bach und bekannte Volkslieder wie „Die Gedanken sind frei“. Die Stücke werden von einem Carilloneur eingespielt, der als studierter Glockenspieler die in Moll gestimmten Glocken spielt und dabei die Zeitverzögerung vom Anschlag bis zum Erklingen des Tons miteinberechnen muss.

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Lübeck, die Stadt der Stiftungen

Lübeck war und ist eine Stadt des Bürgersinns und der Wohltäter:innen, denen ihre Heimatstadt und die Menschen, die darin leben, am Herzen liegen. Sie engagieren sich und übernehmen Verantwortung, viele zu Lebzeiten und einige auch über ihren Tod hinaus. Heute gibt es in Lübeck mehr als 100 Stiftungen, die sich sozialen und kulturellen Projekten widmen. Die Tradition des Stiftungswesens reicht bis ins Mittelalter zurück, die fromme Tat – „pia causa“ – sollte Gott gnädig stimmen und dem Stiftenden einen Platz im Paradies sichern.

Nicht nur das Heiligen-Geist-Hospital auch die Stiftshöfe der Altstadt zeugen heute noch von der Fürsorge Lübecker Bürger:innen, die die Witwen und Waisen von Seefahrern und Kaufleuten versorgt wissen wollten. Das berühmteste Wohnstift ist der Füchtingshof – gestiftet von dem Ratsherrn Johann Füchting, der 1636 ein Drittel seines Erbes „zum Nutzen und Besten der Armen“ bestimmte. Aber nicht nur Wohltäter:innen aus höheren Kreisen kümmerten sich um Bedürftige, auch Bruderschaften von Handwerkern und Seeleuten sorgten für in Not geratene Brüder und ihre Familien. So auch die Schiffergesellschaft zu Lübeck, die 1401 als St. Nicolaus-Bruderschaft „Zu Hilfe und Trost der Lebenden und Toten und aller, die ihren ehrlichen Unterhalt in der Schifffahrt suchen“ gegründet wurde.

Im weiteren Verlauf der Geschichte wurden neben der sozialen Fürsorge zunehmend auch Kunst, Kultur, Bildung und Denkmalpflege durch Stiftungen, Schenkungen und Testamente gefördert. Es war gegen Ende des 18. Jahrhunderts, als sich Lübecker Ärzte, Pastoren, Juristen und Lehrer, getrieben von ihrem Interesse am Austausch von Wissen und Literatur, zu privaten Treffen zusammenfanden. 1789 gründeten sie die “Gesellschaft zur Beförderung Gemeinnütziger Tätigkeit” – kurz die GEMEINNÜTZIGE. Sie engagiert sich bis heute für kulturelle und soziale Zwecke und fördert unter ihrem Dach 19 Einrichtungen, 38 Tochtergesellschaften und 33 Stiftungen – von der FamilienBildungsStätte über die Overbeck-Gesellschaft bis hin zur Musikschule und Knabenkantorei. Der Lübecker Unternehmer Emil Possehl verfügte 1919 in seinem Testament. „Mein größter Wunsch ist es, dass die Früchte meines Lebenswerkes meiner geliebten Vaterstadt, der Freien und Hansestadt Lübeck, zugute kommen mögen.“

Max Schön

Gespräch mit dem Vorsitzenden des Vorstands der Possehl-Stiftung

> Zum Interview

Diesem Wunsch ihres Stifters entsprechend fördert die Possehl-Stiftung seit über 100 Jahren in der Hansestadt Lübeck »alles Gute und Schöne«. Die lange Liste der geförderten Projekte hat die Entwicklung der Stadt nachhaltig mitgestaltet, vieles Unmögliche möglich und viele Menschen glücklich gemacht. Seit 2004 ist auch die Gemeinnützige Sparkassenstiftung ein wichtiger Akteur und lebendiger Förderer für soziales Engagement in Lübeck. Aber nicht nur die großen Stiftungen, auch die vielen kleinen, im Verborgenen wirkenden Vermächtnisse Lübecker Bürger:innen sind heute ein großer Schatz und aus dem sozialen und kulturellen Leben Lübecks nicht mehr wegzudenken. Seit 2004 ist die Gemeinnützige Sparkassenstiftung ein wichtiger Akteur und Förderer für soziales Engagement in Lübeck.

Kontakt

Am Koberg 11

23552 Lübeck

Deutschland


Tel.: 0451 7907840

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