Komm in die Gänge

Ein mittelalterlichesLabyrinth

Die verborgene Welt der Gänge und Höfe

Die verborgene Welt der historischen Wohngänge zieht sich wie ein Labyrinth durch die Hinterhöfe fast der gesamten Altstadt und ist heute Teil des Lübecker UNESCO Welterbes und der lebendigen Stadtkultur. Einst gab es rund 180 bewohnte Gänge und Höfe, heute existieren noch etwa 90. Die meisten sind für einen entspannten Bummel durch die Altstadt öffentlich und frei zugänglich, manche nachts mit einem Tor verriegelt und einige wenige ganz privat hinter verschlossenen Türen in ihrer eigenen Welt versunken. Die kleinen, liebevoll restaurierten Ganghäuschen sind heute begehrter Wohnraum im Herzen der Stadt und an Idylle und Romantik kaum zu übertreffen. Das war nicht immer so.

Platz ist in der kleinsten Bude

Entstanden sind die ersten Gangbuden zu Beginn des 14. Jahrhunderts aus purem Platzmangel, denn der Handel in der Stadt blühte auf und die Bevölkerungszahl explodierte förmlich. Der Wohnraum innerhalb der Stadtmauern reichte nicht mehr aus. So kamen geschäftstüchtige Kaufleute und andere findige Hausbesitzer auf eine Idee: Sie brachen zumeist schmale Gänge durch die Vorderfronten ihrer Häuser und bauten winzige einstöckige und oft fensterlose “Buden” in ihre Hinterhöfe. Der Begriff "Bude" stammt vom lateinischen "boda". Eine grundbuchamtliche Unterscheidung von einem Haus (Domus). Diese vermieteten sie an Bedienstete, Tagelöhner, kleine Handwerker und einfache Seeleute mit ihren Familien. Knapp 80 % der Bevölkerung lebte in Buden.

Nicola Petereit & Jörg Haufe

Das Haus steht aus reiner Gewohnheit

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Schon gewusst?

SO SAH ES IN DEN GÄNGE UND HÖFEN AUS

Die Verhältnisse waren ärmlich, dunkel und beengt. Buden hatten eine Feuerstelle, keine Glasfenster und Läden aus Holz. 5-6 Personen teilten sich einen Raum von ca 20 m2. Alle nutzen eine Kloake im Hof. Menschen des Mittelalters waren Enge und Gedränge gewohnt. Der Wunsch nach Freiraum war ihnen vollkommen fremd. Man lebte, liebte und starb in der Gemeinschaft. In den meisten Wohngängen lebten die Menschen zur Miete. Manche der Höfe waren Stiftungen wohlhabender Mitmenschen, die als fromme Tat Witwen und Waisen ein Dach über dem Kopf gaben. Anfangs waren die Buden aus Holz gebaut. 1540 erschien die erste Bauverordnung in Lübeck. Die hölzernen Buden in den Gängen und die Fachwerkhäuser mit Füllungen aus Kuh- und Pferdemist, Häcksel und Lehm mussten aus Gründen des Brandschutzes durch massiven Backstein ersetzt werden. Weitere Bauvorschriften gab es nicht. Die Bauherren hatten angeblich nur eine einzige Vorgabe beim Durchbruch eines neuen Ganges zu beachten: Er musste so breit sein, dass ein Sarg hindurchpasste.

WOHER KOMMEN DIE NAMEN DER GÄNGE?

Benannt wurden die Gänge oft nach ihren Besitzer:innen oder nach den Berufen ihrer Bewohner:innen, wie zum Beispiel der Garbereitergang, der Branntweinbrennergang oder der Bäckergang, der einen Durchgang von der Engelsgrube zur Fischstraße bildet und dessen Besitzerin den Gang 1551 an die Schiffergesellschaft verlor, weil sie die Kloake nicht hatte leeren lassen. Anzüglich mutet der Name “Tittentaster Gang” an, der im Mittelalter eine wichtige Adresse für reiche Kaufleute war, die – wie damals üblich - eine Amme zum Stillen ihrer Säuglinge suchten – ein durchaus ehrbarer Beruf.

Durch das Fegefeuer in die Hölle

„Wir gehen jetzt durch das Fegefeuer direkt in die Hölle!“ – diesen schaudernde Spruch hat sicher schon so mancher Gast während einer Stadtführung in Lübeck gehört.  Denn das „Fegefeuer“ und die „Hölle“ sind Straßen auf der Lübecker Altstadtinsel. Das „Fegefeuer“ verbindet die Mühlenstraße mit dem Domkirchhof. Die Bezeichnung „Fegefeuer“ stellt dabei ein Wortspiel dar, welches sich auf die kirchliche Lehre vom Fegefeuer bezieht. Um zum Paradies, dem Eingangsportal des Doms, zu kommen, muss man bekanntlich durch das Fegefeuer gehen. Eine vom „Fegefeuer“ abzweigende Sackgasse wurde daraufhin im Volksmund „Hölle“ genannt.

 

Garbereitergang - Pommesbräter anno dazumal

Der Garbereiter-Gang besitzt die Bezeichnung eines appetitlichen Berufs: ein Garbereiter war ein Garkoch, ein Koch oder Besitzer einer einfachen Speisewirtschaft. Der Garbereiter-Gang ist zweiseitig bebaut. Die durch teils voll ausgebaute Obergeschosse unterschiedliche Dachhöhe der Fachwerkhäuschen unterbricht die vorherrschende monotone Bauweise der Fachwerkhäuser. In diesem Gang wohnten aufgrund der Nähe zum Museumshafen ebenfalls Seefahrer, die oft wochenlang nicht zuhause waren. Daher war es hier im Gegensatz zu anderen Gängen zu diesen Zeiten sehr sauber.

Besuche die Gänge und Höfe in der Altstadt Lübecks

Die Vielfalt der Gänge und Höfe ist weltweit einzigartig. Noch heute sind sie bewohnt und zu stillen Oasen mitten in der Altstadt geworden. Vieles ist hier erhalten geblieben, was in anderen Städten Neuem weichen musste. Die meisten Lübecker Gänge und Höfe sind frei zugänglich. Manche werden über Nacht verschlossen. Allen gemein ist, dass sie eine bezaubernde Stille und Gelassenheit ausstrahlen. Stockrosen ranken an manchem Eingang empor, im Sommer sitzt man draußen bei einem Kaffee mit Blick auf einen gotischen Kirchturm oder die Rückseite eines imposanten Bürgerhauses.

ENTDECKE DIE GÄNGE & HÖFE IM RAHMEN EINER STADTFÜHRUNG!

Verlaufe dich nicht, verpasse nichts! Hier ist zwar noch niemand verloren gegangen, aber durch das mittelalterliche Labyrinth der Lübecker Gänge und Höfe leitet dich am besten eine:r unserer Stadtführer:innen. Bei einer Führung durch die Gänge und Höfe erfährst du so die besten Geschichten und so manche lustige Anektdote.

Der Ganghaus-Knigge

Damals wie heute sind die Lübecker Gänge und Höfe gleichermaßen öffentlicher Raum, aber noch immer bewohnt und werden von den Anwohner:innen liebevoll gepflegt, bepflanzt und dekoriert. Sei daher bitte achtsam und rücksichtsvoll bei deinem Besuch und respektiere die Privatsphäre der Menschen, die hier leben.

Unsere Favoriten

Füchtingshof
Der größte und prächtigste Stiftshof Lübecks und barockes Kleinod aus dem Jahre 1640 ist der Füchtingshof in der Glockengießerstraße. Die Stiftung besteht bis zum heutigen Tag. Er wurde von dem Lübecker Kaufmann und Ratsherrn Johann Füchting zur Versorgung von Kaufmanns- und Schifferwitwen „den Armen zum Nutzen und Besten“ gestiftet. In der Hofordnung von 1792 heißt es, dass es die Pflicht der Witwen sei, "sich ehrbar und ihrer Lage gemäß anständig zu kleiden, allen hörigen Putz und Kleiderschmuck zu unterlassen und still, sittsam und ehrbar zu leben".

Glockengießerstraße 23
Öffnungszeiten: 9-12 Uhr | 15-18 Uhr
Der Zugang ist barrierefrei

Dunkelgrüner Gang
Der dunkelgrüne Gang gehört zu dem verwinkelten Gängesystem zwischen Untertrave und Engelswisch mit kleinen Buden, Gärten, Sackgassen, Spielplatz und versteckten Ausgängen – ein echtes Labyrinth und eine grüne Oase, die als ein geschlossenes altes Stadtviertel angesehen werden kann. Hier lebten "gediegene" Menschen, also etwas seltsame, eigenartige Typen, die überwiegend der Seefahrt verbunden waren.

Der Eingang befindet sich zwischen Engelswisch 20 und 28.

Haasenhof
Dieser jüngste der Stiftshöfe in Lübeck erhielt seinen Namen von der Witwe des Weinhändlers Johann Haase, die die Einrichtung zwischen 1727 und 1729 gründete. Sie verfügte testamentarisch, dass "jederzeit 13 Wohnungen in gutem baulichem Zustand zu erhalten seien". Sie legte fest, dass diese Wohnungen neun Witwen zur Verfügung gestellt werden sollten und die verbleibenden vier Wohnungen von acht "Jungfrauen" - unverheirateten Frauen - bewohnt werden sollten.

Dr.-Julius-Leber-Straße 37-39

Glandorps Hof
In diesem Stiftshof von 1603 durften „Witwen eines ehrbaren Standes, guten und ehrlichen Verhaltens“ wohnen, die "von still ertragener Armut bedrängt werden". Gestiftet wurde der Hof in der Glockengießerstraße von dem Lübecker Ratsherrn und Schonenfahrer Johann Glandorp.

Glockengießerstraße 39 - 53

Kalandsgang
In Höhe der Hartengrube 52 liegt dieser Gang, der schon im 15. Jahrhundert aufgrund seiner ungewöhnlichen Breite "De wide Hagen" genannt wurde. 1489 wurde der Hagen ausgebaut, nachdem es dem Rat der Stadt zu anstößig geworden war, hier sozusagen von Amts wegen Buden an "liederliche Frauen" zu vermieten, die aus beruflichen Gründen in ihren Wohnungen Seefahrer zu empfangen pflegten. 1557 übernahm den Gang ein Kaland, der nach Lübeck übergesiedelt war – eine Bruderschaft aus Geistlichen und Laien. Der Name Kalandsgang hat sich seitdem erhalten.

Hartengrube 52

Von-Höveln-Gang
Dieser an der Wahmstraße liegende Gang wurde ab 1481 von dem Lübecker Ratsherrn Tidemann Evinghusen als Armengang mit Freiwohnungen für 45 unbemittelte Frauen errichtet. Später wurde er nach dessen Verwalter von Höveln benannt. Der Gang hat zwar eine Eingangstür, kann aber durchaus betreten werden.

Wahmstraße 73-77 

Ein übersichtlicher Stadtplan mit vielen Gängen & Höfen zum Download!