Treffen sich zwei Gegensätze

Über das Zusammenspiel von Kirche und Kultur in Lübeck

Treffen sich zwei Gegensätze

Margrit Wegner und Jörg-Philipp Thomsa

Im Pastorat des Dom zu Lübeck steht der Kaffee dampfend auf dem Esstisch, die selbst geernteten Äpfel stehen bereit. Einander gegenüber sitzen Margrit Wegner, Pastorin am Dom zu Lübeck, und Jörg-Philipp Thomsa, Leiter des Günter Grass-Hauses. Wer wäre besser geeignet für diesen Diskurs, wenn es um die Frage geht: Lübeck geistlich – Lübeck weltlich, zwei Gegensätze, die sich nichts zu sagen haben, oder die sich doch verbinden lassen?

Privat ist die Frage für diese beiden Gesprächspartner bereits eindeutig geklärt. Sie sind verheiratet, haben ein Kind und harmonieren wunderbar als Paar und als ein Team, obwohl ihre berufliche Ausrichtung in so unterschiedliche Richtungen weist – oder? „Tatsächlich haben wir uns sogar über unsere Arbeit kennengelernt“, lacht Jörg-Philipp Thomsa. Angedacht war damals eine Diskussionsrunde mit JVA-Insassen zum Thema „Schuld und Scham“ anhand der Novelle „Katz und Maus“ von Günter Grass. „Ich schrieb eine E-Mail an das Dom-Pastorat, um mich zu informieren, an wen ich mich in der JVA bezüglich dieses Themas am besten wenden könnte, ob beispielsweise ein Gefängnisseelsorger der richtige Ansprechpartner wäre. Margrit antwortete mir und wir trafen uns zum Mittagessen.“ Da waren beide bereits des Berufes wegen nach Lübeck gezogen, ursprünglich stammen sie jedoch aus anderen Teilen Deutschlands.

Margrit Wegner ist gebürtige Hamburgerin und wusste schon früh, was ihre Berufung war. „Meine Heimatgemeinde, die Kirchenmusik und die Jugendarbeit haben mich sehr geprägt und führten zu dem Wunsch, Pastorin zu werden“, erklärt sie. Dem Theologiestudium schlossen sich das Provikariat am Hamburger Michel und das Vikariat im Hochhausstadtteil Steilshoop an, bevor die Reise nach Schweden an den Stockholmer Dom ging. Ihre erste Stelle als Pastorin führte Margrit Wegner schließlich nach Lübeck an die St.-Jürgen-Kapelle. Doch wie kam es, dass sie 2010 als erste Frau überhaupt Pastorin am Lübecker Dom wurde? „Mein jetziger Kollege Martin Klatt ermunterte mich, mich zu bewerben“, erinnert sie sich. „Ich konnte mir in der Tat sehr gut vorstellen dort zu arbeiten, in den Dom hatte ich mich schon verliebt, bevor ich überhaupt in Lübeck wohnte. Damals war ich zu einem Konzert hier und es war wirklich Liebe auf den ersten Blick.“

Als Margrit Wegner ihre Stelle am Dom antritt, ist Jörg-Philipp Thomsa bereits Leiter des Günter Grass-Hauses. Geboren und aufgewachsen am Niederrhein, studierte er Germanistik und Geschichte an der Universität Duisburg-Essen. Nach Lübeck kam er erstmals 2005 als Tourist und war sofort fasziniert. „Die Stadt hat mir damals so gut gefallen, dass ich ein Jahr später wiedergekommen bin, um im Buddenbrookhaus ein Praktikum zu machen – perfekt für einen Thomas-Mann-Leser wie mich“, schmunzelt Thomsa. Und hier begegnen sie sich nach einer Lesung das erste Mal: Günter Grass und Jörg-Philipp Thomsa. Der Beginn einer intensiven Zusammenarbeit. Thomsa wird wissenschaftlicher Volontär im Günter Grass-Haus und 2009 schließlich dessen Leiter, immer mit der vollen Unterstützung des 2015 verstorbenen Namensgebers.

Da sind sie nun, die Pastorin und der Museumsleiter und die anfängliche Frage nach den Gegensätzen. „In unserer Arbeit finden sich durchaus verbindende Elemente“, findet Jörg-Philipp Thomsa. „Uns beiden ist es ein großes Anliegen, die Themen unserer ‚Arbeitgeber‘ in die heutige Zeit zu transferieren und aktuelle Bezüge aufzuzeigen. Welche Fragen beschäftigen die Leute auch heute noch?“ So sind beispielsweise Religion, die Endlichkeit, die Frage nach der Schuld und Verantwortung wiederkehrende zentrale Themen in den Werken von Günter Grass. „Das hat uns die Möglichkeit gegeben, auch gemeinsame Wege der Vermittlung zu finden“, erklärt Margrit Wegner. „Zum Beispiel haben wir schon einmal einen gemeinsamen Gottesdienst mit einer Lesung aus ‚Katz und Maus‘ abgehalten.“

Wichtig ist Beiden bei ihrer Arbeit, ein möglichst breites Publikum anzusprechen und auch die nächste Generation mit einzubeziehen. So finden im Dom regelmäßig Kindergottesdienste statt, es werden Aufführungen eines Kindermusicals erarbeitet und die Gewölbeführungen – auf Anfrage – sind sehr beliebt bei Jung und Alt. „Besonders die Kinder kann ich begeistern, wenn ich ihnen den Marmorengel zeige, der Seifenblasen pustet. Ich habe meistens dann auch Seifenblasen dabei, so können die Kinder gleich mitpusten. Das ist einfach zauberhaft“, schwärmt die Pastorin. Auch im Günter Grass-Haus sind Kinder sehr willkommen: „Wir organisieren jedes Jahr ein Kinderfest in Zusammenarbeit mit dem Willy-Brandt-Haus, das kommt sehr gut an, und wir dürfen uns dann über rund 2.000 Besucher freuen“, erzählt Jörg-Philipp Thomsa. „Wir möchten diese falsche Ehrfurcht vor Kunst und Kultur aufbrechen“, so Thomsa weiter. „Beispielsweise war bei der Eröffnung des neuen Günter Grass-Hauses 2012 Helge Schneider als Hauptakt mit dabei. Und auch Jonathan Meese haben wir zeitweise mit einer Ausstellung hier. Lübeck braucht diese Unruhe im Kulturleben.“

In Lübeck geht das Kulturleben eine fast schon symbiotische Beziehung mit den Altstadtkirchen ein. Die Kirchen werden auch als Kulturraum erlebbar gemacht. Das kulturelle Erbe verpflichtet, war Lübeck doch schließlich Wirkungsstätte großer Komponisten und Organisten wie unter anderen Dietrich Buxtehude. Einst folgte auch Johann Sebastian Bach dem Ruf und kam in die Hansestadt, um von den Besten zu lernen. So wundert es nicht, dass die Lübecker Musikhochschule mit den Altstadtkirchen kooperiert und Kirchenmusik hier einen besonderen Stellenwert einnimmt. „Die Kultur in unseren Kirchen wird von Außenstehenden zum Teil noch unterschätzt“, findet Jörg-Philipp Thomsa. „Es werden so viele Konzerte in den Lübecker Kirchen gespielt, das ist außergewöhnlich.“

Und so reichen sich in Lübeck die geistlichen und weltlichen Institutionen die Hand und gestalten die Zukunft der Stadt miteinander, auf Augenhöhe. Mit Gott und Grass und mit neuen Wegen der Vermittlung – Gegensätze, die keine mehr sind.

Tipps

„Mitten am Tag ein Innehalten – Mittagsandachten kurz nach zwölf in St. Marien. Gute Musik. Gute Worte. Ein  Segen! Und dann auch noch kostenlos, weil zum Beten natürlich kein Eintritt verlangt wird.“
(Margrit Wegner)

„Wer in Lübeck ist, sollte auch einmal im „Museum für Natur und Umwelt“ vorbeischauen. Hier erwartet Besucher eine wundervolle Sammlung zur den Naturräumen in Schleswig-Holstein und zur Tier- und Pflanzenwelt. Die Ausstellungen sind auch für Familien sehr geeignet.“
(Jörg-Philipp Thomsa)

Treffen sich zwei Gegensätze
Kapitel 1 : Treffen sich zwei Gegensätze
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