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25|06|2011

WELTEN ENTDECKEN ab 26. Juni in der Kunsthalle St. Annen

Werke aus der Völkerkundesammlung der Hansestadt Lübeck zu Gast in der Kunsthalle St. AnnenSeit Jahrhunderten bereisen Menschen ferne Länder und bringen nicht nur Handelswaren mit nach Hause, sondern auch Kulturgüter. Die Sammlung der Hansestadt Lübeck, die auf diese Weise entstanden ist, umfasst heute mehr als 26.000 Werke aus aller Welt – einige von ihnen bis zu 5000 Jahre alt - die zum allergrößten Teil von Lübecker Bürgern zusammengetragen wurden. Vom 26. Juni bis 13. November sind die 200 schönsten und kostbarsten Exponate in der Kunsthalle St. Annen zu sehen. Die Ausstellung Welten entdecken wurde am vergangenen Donnerstag im Rahmen einer Pressevorbesichtigung der Öffentlichkeit präsentiert.

„Ich freue mich sehr darüber, dass wir mit Hilfe der Lübecker Stiftungen und Vereine die Völkerkundesammlung der Lübecker Museen so prominent präsentieren können. Mein besonderer Dank geht an Frau Dr. Brigitte Templin, die als Kuratorin diese herausragende Ausstellung in der Kunsthalle St. Annen verantwortet“, betonte Prof. Dr. Hans Wißkirchen, Leitender Direktor der Lübecker Museen.

Geordnet nach Kontinenten werden in allen Etagen der Kunsthalle selten oder noch nie gezeigte Werke aus 40 verschiedenen Ländern vorgestellt: Estland und Italien sind ebenso vertreten wie die USA und Peru, Kenia und Äquatorialguinea, Kasachstan, Thailand, Japan, Samoa, Australien und Papua Neuguinea. Die ältesten Objekte in der Ausstellung sind 5000 Jahre alt, das jüngste ist Anfang des 21. Jahrhunderts geschaffen worden. Die räumliche Breite und zeitliche Tiefe wird durch eine Vielfalt der benutzten Materialien ergänzt.

„Es besteht kein Zweifel darüber, dass der Sinn für das Schöne weltweit verbreitet ist, egal wie unterschiedlich die Formen sind, die es annehmen kann. Die Kunst ist eine zuverlässige Konstante in der Geschichte der Menschheit“, sagte Dr. Brigitte Templin, Leiterin der Völkerkundesammlung und Kuratorin der Ausstellung.

Die gezeigten Meisterwerke aus Afrika, Amerika, Asien, Europa und der Südsee offenbaren ein großes Erfindungsreichtum an Formen, Farben und Ausdrucksweisen. Damit wird die Faszination nachvollziehbar, die Avantgarde-Künstler der Klassischen Moderne vor mehr als hundert Jahren der außereuropäischen Kunst entgegenbrachten. Die Werke verkörpern zudem den Reichtum und die Schönheit der religiösen Vorstellungswelten ihrer zumeist namenlosen Schöpfer und eröffnen damit Zugänge zu bisher unbekannten Welten. Die Lübecker Sammlung enthält einmalige Zeugnisse der Kulturgeschichte der Menschheit. Weit mehr als 900 Bürgerinnen und Bürger haben durch Schenkungen und durch von ihnen finanzierte Ankäufe in drei Jahrhunderten eine herausragende Sammlung aufgebaut.

„Die Gesellschaft für Geographie und Völkerkunde sieht diese Ausstellung als hervorragende Möglichkeit, die Schätze der Völkerkundesammlung nach der Schließung des Zeughauses endlich einmal wieder der Öffentlichkeit zu präsentieren. Unsere Gesellschaft trägt entscheidend zum Rahmenprogramm bei. Dies wurde möglich durch eine großzügige Spende der Gemeinnützigen Sparkassenstiftung, der wir hiermit danken möchten. Wir verbinden mit dieser Ausstellung die Hoffnung, dass das von uns und vielen befreundeten Verbänden und Vereinen verfolgte Ziel, der Sammlung wieder ein festes Haus zu verschaffen, weitere Unterstützer findet. Die Völkerkundesammlung, wie derzeit geplant, in den nächsten Jahren jährlich in einem anderen Haus zu zeigen, kann nur eine Übergangslösung sein“, stellte Prof. Dr. Renate Kastorff-Viehmann, Vorsitzende der Gesellschaft für Geographie und Völkerkunde zu Lübeck e.V., fest.

Asien, der größte Kontinent der Erde, ist in der Lübecker Völkerkundesammlung mit den meisten Objekten vertreten. Ein Schwerpunkt ist der ZentralasieZentralasien-Bestand. Mit dem willkürlich gebildeten, inzwischen fest eingebürgerten geographischen Begriff Zentral- oder Mittelasien wird der islamisierte turko-iranische Kulturraum bezeichnet, der insbesondere die heutigen Staaten Kasachstan, Kirgisien, Tadschikistan, Turkmenistan und  Usbekistan einschließt.

Der Lübecker Zentralasien-Bestand rekrutiert sich in erster Linie aus einer Vielzahl von Gegenständen, die der ehemalige Direktor des Museums, Prof. Dr. Richard Karutz (1867-1945) auf drei Sammel- und Forschungsreisen in das damalige Russisch-Turkestan 1903, 1905 und 1909 zielgerichtet für eine Präsentation im Museum zusammengetragen hat. Ein weiterer Schwerpunkt der Sammlung sind Werke aus dem buddhistischebuddhistischen Themenkreis. Dazu gehören chinesische und japanische Objekte, die Hildegard Vogt (Freiburg i. Breisgau) zwischen 1969 und 1978 der Völkerkundesammlung schenkte. Frau Vogt, die in Lübeck zur Schule gegangen ist und dort ihr Lehrerinnen-Examen absolviert hat, lebte mit ihrem Mann, Dr. Karl Vogt, Justitiar an der Deutschen Botschaft in Tokio, jahrzehntelang in Japan.

Die afrikanische Sammlung besteht heute aus knapp 7000 Objekten aus allen Großregionen dieses Kontinents. Einzigartig sind die noch erhaltenen 150 Objekte der Fang-Sammlung, die hauptsächlich auf der Lübecker Pangwe-Expedition (1907-08) von Günther Tessmann insbesondere in Südkamerun und Äquatorialguinea zusammengetragen wurden.

Im Unterschied zu den meisten Museen für Völkerkunde in Deutschland besitzt das Lübecker Museum seit seinen Anfängen eine europäische Sammlung. Zu dieser gehört eine jüdische Sammlung aus verschiedenen Ländern, die Julius Carlebach 1931/32 für die Einrichtung einer Dauerausstellung im Museum für Völkerkunde zusammengetragen hat. Sie umfasst mehr als hundert Objekte und ist kultur- und stadtgeschichtlich von großer Bedeutung. Joseph Hirsch Zwi (Julius), der am 18. Juli 1909 als Sohn des Bankiers Alexander Carlebach und seiner aus Moskau stammenden Frau Sonja Persitz in Lübeck geboren wurde, gehört zu einer der berühmtesten orthodoxen jüdischen Familien in Deutschland. Als Jugendlicher durch das Museum für Völkerkunde in Lübeck angeregt, entwickelte Julius Carlebach eine Begeisterung für Ethnographica, mit deren Handel er sein Studium der Kunstgeschichte und Völkerkunde in Hamburg bestritt. Als er 1932 im Lübecker Museum für Völkerkunde eine jüdische Abteilung einrichtete beschrieb er sein Konzept als das einer Mischung aus volks- und völkerkundlichen Aspekten. Die Sammlung sollte keine Merkwürdigkeiten oder besonders seltene Objekte zeigen, sondern einen Überblick bieten über Geräte, die zur Ausübung des jüdischen Kultus im Haus und in der Synagoge nötig sind.

Sein Ziel war, alle jüdischen Bräuche im Museum zu erklären, um dem Antisemitismus zu begegnen. Aufgrund der guten Verbindungen von Julius Carlebach nach Italien, Palästina, Karpatho-Russland und Tunesien sind auch diese Länder bzw. Regionen in seiner für das Museum in Lübeck angelegten Sammlung vertreten.

Die AmerikAmerika-Sammlung des Museums umfasst gegenwärtig etwa 5000 Objekte. Lange Zeit war sie zahlenmäßig eine der schwächsten Abteilungen, nicht zuletzt aufgrund der Verluste durch die Zerstörung des Museums 1942, bei der die amerikanische Sammlung mehr als 20% ihrer Objekte verlor. Bereichert und aufgewertet wurde die Lübecker Nordamerika-Sammlung im Jahre 2000 durch eine großzügige Schenkung des Künstlers Horst Antes, der die von ihm Anfang der 70er Jahre in den USA erworbene, mehr als 200 Teile umfassende Ausrüstung des Navajo-Medizinmannes Benet Toehe an die Völkerkundesammlung übergab.

Mit etwa 250.000 Mitgliedern sind die Navajo einer der größten Stämme Nordamerikas. Ihre
Medizinbündel, von denen weltweit heute nur noch wenige in Museumssammlungen zu
finden sind, verkörpern den Reichtum und die Schönheit der religiösen Vorstellungswelt der
im Bundesstaat Arizona lebenden Navajo.

Unter den Nordamerika-Beständen ragt eine Eskimo- bzw. Inuit-Sammlung heraus, die eine
recht vollständige Dokumentation dieses arktischen Jägervolkes ermöglicht. Insbesondere
der aus Alaska stammende Teil dieser Sammlung, der größtenteils 1888 von Herrn Feldien
aus Wismar erworben wurde, enthält herausragende Stücke.

Die Inselwelt des Pazifischen Ozeans, der etwa ein Drittel der Erdoberfläche bedeckt, wird
als Südsee oder Ozeanien bezeichnet. Ozeanien umfasst die Großregionen Melanesien,
Mikronesien und Polynesien sowie den Kontinent Australien. Die Lübecker Ozeanien-
Sammlung gehört mit etwa 3000 Objekten zahlenmäßig zu den kleineren Abteilungen der
Völkerkundesammlung, aber qualitativ zählt sie zu den besten. Der Großteil der Objekte
kommt aus Melanesien („Schwarzinselwelt“). Zu dieser im Südwesten des Pazifischen
Ozeans liegenden Großregion zählen u.a. Neuguinea – zweitgrößte Insel der Welt – der
Bismarck-Archipel und die Salomonen. Der bereits Ende des 19. Jahrhunderts umfangreiche
Sammlungsbestand aus Melanesien mit seiner ungeheuren Vielfalt an Ausdrucksformen
wurde auch Anfang des 20. Jahrhunderts ständig erweitert.

Doppel-Eröffnung
Die Ausstellung startet am Sonntag, 26. Juni mit einer Doppel-Eröffnung. Um 11.30 Uhr wird
Frau Dr. Templin, Leiterin der Völkerkundesammlung und Kuratorin, in die Ausstellung einführen. Dazu gibt es Gesang und Musik auf der Pferdekopfgeige, dargeboten von dem
mongolischen Künstler Enkhjargal Dandarvaanchig sowie eine Text-Musik-Collage. Im
Anschluss bittet die Gesellschaft für Geographie und Völkerkunde zum Empfang. Eintritt:
Erwachsene 7 Euro/ ermäßigt 3,50 Euro/ Kinder 3 Euro.

Am Nachmittag um 15 Uhr findet die Eröffnung für Kinder statt. Das große Tipi-Zelt im
Innenhof wird feierlich eingeweiht. Außerdem werden geheimnisvolle Museumskoffer
vorgestellt. Eintritt: Kinder unter 6 Jahren haben freien Eintritt. Ältere Kinder und
Jugendliche bis 18 Jahre zahlen 3 Euro.

Rahmenprogramm
Der kulturelle Schatz der Hansestadt hat die Museumspädagogen der Museen inspiriert: Sie
haben das umfangreichste und vielfältigste museumspädagogische Programm
zusammengestellt, das je zu einer Ausstellung in Lübeck entwickelt wurde. Neben einem
Vortrag zu indianischen Heilmethoden, einem balinesischen Abend mit Musik und Kurzfilmen
zeitgenössischer afrikanischer Filmemacher gibt es Märchenstunden, geheimnisvolle
Museumskoffer und vieles mehr. In den Sommerferien steht bei den Ferienpass-Angeboten
jede Woche ein anderer Kontinent im Mittelpunkt. An zahlreichen Sonntagen können
Familien Geschichten aus fremden Ländern lauschen und Spiele ausprobieren. Bitte
beachten Sie den beigefügten Flyer „Welten entdecken“, der mehr als 100 Angebote für
Kinder, Jugendliche und Erwachsene enthält.

Führungen/Kindergeburtstage
Auf Wunsch können persönliche Führungen oder Kindergeburtstage in der Ausstellung
organisiert werden. Telefonische Beratung: Roswitha Lehna , Tel. 0451-122 4273 oder
E-Mail: roswitha.lehna@luebeck.de.

Gesellschaft für Geographie und Völkerkunde zu Lübeck e. V
Die Gesellschaft für Geographie und Völkerkunde zu Lübeck e. V. hat ein umfangreiches
Rahmenprogramm zur Ausstellung vorbereitet. Damit will der Verein die Bedeutung der
Lübecker Völkerkundesammlung unterstreichen. Bitte beachten Sie die beigefügte
Pressemitteilung und den Flyer des Vereins.


Katalog
Zur Ausstellung erscheint ein 400 Seiten umfassender Katalog, der die 400
wichtigsten, wertvollsten und schönsten Objekte der Sammlung dokumentiert und in
die Geschichte der Sammlung einbettet. Eine vollständige Liste aller mehr als 900
Schenker und Schenkerinnen beschließt den Katalog.

Bitte vormerken: „Der zweite Blick“
Ab Ende August wird es eine Ausstellung in der Ausstellung geben: Drei Lübecker Künstler
konfrontieren die zum Teil 2000 Jahre alten Objekte mit eigenen Werken und eröffnen
damit einen faszinierenden Dialog. Titel der Ausstellung: „Der zweite Blick“.

Adresse
Kunsthalle St. Annen
St. Annen-Straße 15
Lübeck

Quelle: Kulturstiftung Hansestadt Lübeck
Bildinformation: Männliche Reliquiarfigur niamodo der Ntumu, Äquatorialguinea, um 1900, Holz, Federn, Metall,Pflanzenfasern, Foto: Ilona Ripke, © die LÜBECKER MUSEEN