Ein Niederländer verliebt in Lübeck

Lübeck ohne UNESCO Welterbe ist wie ein Sternekoch ohne Stern, sagt Jan Kruijswijk.
Was hat Lübeck mit den Pyramiden von Gizeh, den Ruinen von Olympia, Stonehenge und der Chinesischen Mauer gemeinsam? Richtig, sie gehören alle zu den weltweit über 1.000 Welterbestätten, die unter dem Schutz der UNESCO stehen. 39 Denkmäler sind in Deutschland zu finden, Lübeck gehört seit 1987 dazu.

Lübeck wurde als erste Hafenstadt an der Ostsee 1143 gegründet und entwickelte sich schnell zur reichen und mächtigen "Königin der Hanse". Die Altstadtinsel ist eines der schönsten Schmuckstücke der norddeutschen Backsteingotik. Seit dem Mittelalter prägen die sieben Türme der Kirchen die Silhouette der Stadt. Sehenswert sind neben dem berühmten Holstentor das historische Rathaus, die Salzspeicher, in denen früher das "weiße Gold" gelagert wurde, das Heiligen-Geist-Hospital, die stolzen Kaufmannshäuser und die mittelalterlichen Gänge und Höfe. Auch der archäologische Untergrund der Altstadt mit rund drei Millionen Funden ist Bestandteil des Welterbes. Einer, der darüber genau Bescheid weiß, ist der Stadtführer Jan Kruijswijk. Der gebürtige Niederländer mit unverkennbarem Rudi Carrell-Akzent und heißgeliebtem Norwergerpulli lebt seit 1991 in Lübeck. "Ich kam der Liebe wegen nach Lübeck", sagt er und meint damit seine Frau Dorit, die er beim Glühweintrinken mit Kollegen auf dem Lübecker Weihnachtsmarkt kennenlernte. Damals noch bei Dräger im holländischen Zoetermeer als Diplom-Ingenieur tätig, ließ er sich flugs nach Lübeck versetzen und hat es nie bereut. "Lübeck ist viel mehr als eine schöne Kulisse", schwärmt er. "Hier atmet man Geschichte und ist doch mitten im Leben." Nach seiner Pensionierung machte er sein Hobby, Geschäftskunden nach Feierabend "sein" Lübeck zu zeigen, zum Beruf.

Die Stadtführung in Lübeck - eine Mischung aus Entertainment und Geschichte

Seit 2007 bietet er regelmäßig Stadtführungen an und erklärt den Gästen der "Königin", was Lübeck als UNESCO Welterbe ausmacht - auf Deutsch, Englisch und Niederländisch natürlich. "Das war eine Marktlücke, als ich beim Verein Lübecker Stadtführer anfing", lacht er und zupft an seinem grauen Kinnbärtchen. Besonderen Spaß mache ihm die Kostümführung als Jan Janszoon van Wijck, einem niederländischen Kapitän, der 1668 in Lübeck mit seiner Galeone "Seelöwe" überwinterte. Er nahm sich eine Kammer in der "Schiffergesellschaft" und genoss Speis und Trank, insbesondere den französischen Rotwein, der in Lübecker Kellern zum heute berühmten Rotspon heranreifte. "Einmal habe ich ein besonderes Lob von einem Gast bekommen", lacht Kruijswijk mit einem Augenzwinkern. "Nach dem Stadtrundgang sagte er, vielen Dank für die tolle Führung - und das mit dem holländischen Akzent haben Sie besonders gut hinbekommen!" Dieser Kapitän Jan Janszoon van Wijck lässt erahnen, wie Kruijswijk es schafft, seine Stadtführungen für die Gäste so spannend und unvergesslich zu machen. Er erzählt Geschichten. "Mein Geheimnis ist eine Mischung aus Entertainment und Geschichte. Eine Stadtführung dauert nur zwei Stunden, da möchte ich meine Gäste nicht mit zu vielen Jahreszahlen und Fakten langweilen. Details findet man auch bei Wikipedia", sagt er. "Ich möchte mit meinen Erzählungen begeistern, damit die Gäste gerne noch einmal wiederkommen, um mehr über die Stadt zu erfahren."

Und was bedeutet die UNESCO-Marke für Lübeck? "Es ist ein Versprechen", sagt Kruijswijk ernst. "Lübeck ohne UNESCO Welterbe ist wie ein Sternekoch ohne Stern. Die Gäste aus aller Welt können sich bei der Auszeichnung mit dem UNESCO Siegel darauf verlassen, dass es hier etwas ganz Besonderes gibt." Die häufigste Frage bei seinen Führungen gilt der Zerstörung im 2. Weltkrieg. "Lübeck hatte Glück im Unglück", antwortet er dann. "Rund drei Viertel der Altstadt haben den Krieg trotz des verheerenden Luftangriffs von 1942 nahezu unbeschadet überstanden." 1944 wurde Lübeck zum Versorgungshafen des Internationalen Roten Kreuzes erklärt und war so für weitere Bombenangriffe tabu.

Durch das alte Seefahrerviertel rund um die Jakobikirche führt Kruijswijk seine Gäste besonders gern. Hier ist das mittelalterliche Leben noch hautnah spürbar und bietet herrlichen Stoff für seine Geschichten. Da sind zum Beispiel die Seefahrerkirche St. Jakobi, die Gertrudenherberge als Pension für weitgereiste Pilger, die Schiffergesellschaft als Versammlungsstätte der Kapitäne, das Burgtor, das früher mitunter für echte Torschlusspanik sorgte, und das Heiligen-Geist-Hospital, in dem Arme und Kranke ein Gelübde für Gehorsam, Keuschheit und Armut ablegen mussten, um aufgenommen zu werden. "Immerhin bekam man damals aber auch jeden Tag ein Essen frei und 3 Liter Bier", schmunzelt Kruijswijk, wohlwissend, dass es im Mittelalter bitter nötig war, Dünnbier statt Wasser zu trinken, um sich gegen Krankheit zu schützen. Auch an Bord der Handelsschiffe gehörte Bier übrigens zur täglichen Ration für die Besatzungen, kein Wunder also, dass es im Mittelalter rund 160 Brauereien in Lübeck gegeben haben soll.

Jeder Gang hat seine ganz eigene Geschichte.

"Viele denken, dass das Mittelalter romantisch war", erzählt Kruijswijk. "Aber das stimmt nicht, es war ein täglicher Überlebenskampf. Krankheit und Tod lauerten überall." Das war auch der Grund für die Spendenfreudigkeit der reichen Lübecker Kaufleute, die um ihr Seelenheil besorgt waren und sich ihren Eintritt in die Glückseligkeit erkaufen wollten. So entstanden viele Stiftshöfe wie zum Beispiel der Füchtingshof, in dem verarmte Witwen und Waisen eine Zuflucht fanden. Eine besondere touristische Attraktion sind heute die kleinen Ganghäuser in den Hinterhöfen der Altstadt, die wie Puppenstuben herausgeputzt sind und gerne auch als Ferienwohnungen gemietet werden. Hier wohnten früher Bedienstete, einfache Seeleute und kleine Handwerker zur Miete in ärmlichen Holzbuden, die aufgrund der Brandgefahr noch nicht einmal beheizt werden durften. 70 dieser historischen Gänge und Höfe sind bis heute erhalten und werden in das Programm vieler Stadtführungen eingebaut. "Die Gänge gehören einfach zu Lübeck dazu und jeder Gang erzählt seine ganz eigene Geschichte", so Kruijswijk. Stundenlang könnte er voller Leidenschaft und Begeisterung von "seinem" Lübeck erzählen, aber auch die schönste Stadtführung geht einmal zu Ende. Nur eine Frage sei noch erlaubt: Was ist sein Lieblingsplatz in Lübeck? "Der Weihnachtsmarkt natürlich", antwortet er lächelnd. "Hier habe ich meine große Liebe im Schutz des historischen Rathauses gefunden." Wie romantisch!

Wie wäre es mit einer Übernachtung in einer der mittelalterlichen Gänge und Höfe?

In den zurückliegenden Jahren aufwändig saniert, sind es attraktive Häuschen geworden; die teilweise auch als Ferienwohnungen zur Verfügung stehen. Bei Interesse wenden Sie sich gerne an uns: Lübeck und Travemünde Marketing GmbH, Tel.: +49 (0) 4 51 / 88 99 700