Die Frau und das Meer

Im Frühling und Sommer gehören sie zu Travemünde dazu wie das Wellenrauschen zur Ostsee und das Holstentor zu Lübeck: Die Strandkörbe, die sich entlang des langen Sandstrandes wie Sonnenhungrige zum Meer ausrichten und Einheimischen wie Urlaubern mitten am Strand ein kleines Zuhause auf Zeit bieten.

Sieben Strandkorbvermieter teilen sich in Travemünde die begehrte Fläche und laden ihre Gäste jeder auf seine Weise zu sich ein. Wer morgens seinen Blick von der Promenade über den weiten Strand von Travemünde schweifen lässt, erlebt ein herrliches Bild: Ordentlich in Reih und Glied erwarten die berühmten Strandkojen ihre Besucher und verheißen einen entspannten Tag am Meer. Doch Moment mal: Einige Körbe scheinen neben den braven Zinnsoldaten nebenan aus der Reihe zu tanzen. Das Empfangshäuschen leuchtet in kräftigen Farben und eine nicht weniger fröhlich gekleidete Frau begrüßt ihre ersten Gäste mit einem frisch gebrühten Kaffee. Unverkennbar, das ist Charlotte Seipel, 57 Jahre und Strandkorbvermieterin mit Leib und Seele.

Meine Gäste rücken sich das schon zurecht

"Meine Körbe leben", sagt Charlotte Seipel und zeigt stolz ins Rund. Natürlich hat jeder Strandkorb seinen Platz und auch bei ihr gibt es die begehrte erste Reihe, doch "meine Gäste rücken sich das schon zurecht". Freiheit ist ein wichtiges Wort für die sechsfache Patchwork-Mutter und achtfache Oma. Vielleicht zeigt sie sich deshalb auch ihren Gästen gegenüber so besonders tolerant und geht mit viel Feingefühl auf deren Wünsche ein. Mit 30 Jahren wurde Charlotte ein Leben im Rollstuhl prognostiziert, doch sie kämpfte sich zurück. Sie weiß, dass das nicht allen gelingen kann und so hält sie "Strandrollis" bereit und sorgt für möglichst kurze Wege. Der Spielplatz am Eingang lässt Kinderherzen höher schlagen und steht "selbstverständlich" nicht nur Mieterkindern offen. Nicht selten nimmt sich die kunterbunte Oma Seipel selbst der Kinder an, liest etwas vor oder macht einen Spaziergang zum Brodtener Ufer mit ihnen. Dann zeigt sie ihnen "ihre Steilküste", die sie so liebt und die mit ihrer rauen, von der Natur geformten Struktur so wunderbar zum bewegten Leben der Wahl-Travemünderin passt. Mit gut 30 Jahren zog es sie der Liebe wegen nach Travemünde und sie heiratete in die Strandkorbvermieter- Familie Seipel ein. Heute blickt sie mit ihrem Mann Bernd auf eine 80-jährige Familientradition zurück und möchte das in diesem Sommer natürlich ausgiebig feiern. Die Schicksalsschläge, aber vor allem auch die vielen schönen Erlebnisse in Charlotte Seipels Leben spiegeln sich in ihrem offenen Gesicht, dem wachen Blick aus klaren blauen Augen und dem herzlichen Lachen, das ihre Mimik weich und fast mädchenhaft wirken lässt. Sie sei eine "Schönrednerin", sagt ihr Mann, doch genau diese Eigenschaft ist wahrscheinlich der Grund dafür, warum sie an den Schicksalsschlägen ihres Lebens nicht zerbrochen ist, sondern sich ihre wunderbare Fröhlichkeit und Wärme bewahren konnte.

"Manchmal muss man einfach machen", lacht sie und oft genug sind daraus Vertriebszweige entstanden, die heute fest zu ihrem Portfolio gehören und ihren Beruf noch etwas vielfältiger machen. Hin und wieder sind es auch ihre Gäste, die sie auf diese guten Ideen bringen. "Eines Tages kam ein Paar aus Timmendorf zu mir an den Strand. Die Frau hatte sich in meine Farben verguckt und wollte sich unbedingt hier trauen lassen. Zuerst war ich skeptisch, ob ich das überhaupt realisieren kann, aber dann haben wir es einfach gemacht und es wurde wunderschön!", erzählt Charlotte Seipel und erinnert sich: "Die weißen Hussen für Tische und Bänke habe ich damals selbst genäht, die Gäste kamen barfuß und feierten bis 2 Uhr in die Nacht." Seitdem haben schon einige Paare ihr Glück zwischen Charlotte Seipels Strandkörben gefunden - dabei muss es ja auch nicht immer gleich der Trauschein sein. Von einer jugendlichen Sommerliebe bis zum Eifersuchtsdrama hat sie schon so manche Seifenoper live miterlebt und freut sich, wenn sie hört, dass die Menschen auch nach dem Urlaub in Kontakt bleiben. Eine Geschichte rührt sie bis heute: "In den 90ern haben sich mal zwei ältere Herrschaften bei mir eingemietet. Die waren so um die 80 und hatten erst jeder ihren eigenen Strandkorb. Irgendwann kamen sie ins Gespräch und stellten fest, dass sie sich von früher kannten. "Ich erkannte gleich, dass da eine besondere Chemie zwischen den beiden war", lächelt sie spitzbübisch und wird dann ernst. "Sie kamen schließlich zusammen und als sie ein paar Jahre später starb, ging es ihm sehr schlecht. Er ist kurz darauf auch gestorben - ich könnte schwören, dass es aus gebrochenem Herzen war."

So geht eine Strandkorbsaison schnell vorbei. 12 Stunden-Tage bei jedem Wetter, Gäste von nah und fern, aus allen Schichten, mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Geschichten. Doch was macht eine Strandkorbvermieterin eigentlich im Winter? "Korbpflege!", lautet die klare Antwort. "Nähen, flechten, reparieren - ich liebe diese handwerkliche Seite an meinem Beruf." Wenn es zu Ostern wieder losgeht, müssen sich die rund 200 Strandkörbe wieder in Bestform präsentieren. Das gilt natürlich auch für Charlotte Seipel und so darf ein bisschen Urlaub nicht fehlen. Doch das Strandkorbgeschäft ist hart, großer Luxus ist da nicht drin. Zum Glück liebt sie, was sie tut, und vor allem liebt sie ihre Ostsee. Und so kann sie den Tag kaum erwarten, an dem sie wieder "raus" und wieder zur Strandkorbvermieterin werden darf. Wenn sie von diesem Moment erzählt, hört es sich so an, als würde sie mit dem Beginn der neuen Saison ein Stück Freiheit zurück gewinnen. "Ich ziehe dann als erstes die Schuhe aus und mache mich mit meiner Fläche vertraut. Am liebsten ganz früh morgens. Dann schaue ich zu, wie die Sonne langsam am Horizont aufgeht. Das ist für mich der perfekte Start in den Tag. Nun können die Gäste kommen!"

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