Atelier Roststätte

04.11.2020 von Barbara Schwartz
Kunst

Pure Schönheit ist doch langweilig!

Lübeck wartet mit einer unglaublichen Zahl an Ateliers und Galerien auf. So unterschiedlich wie ihre Inhaber:innen sind, so spannend und vielseitig ist auch das Angebot. Von gegenständlicher Malerei über abstrakte und bildende Kunst zu postkartenschönen Motiven, Rahmen und Dekoartikeln. Arbeiten in Stein, Holz oder Bronze. Die Auswahl ist schier überwältigend.

Ihren ganz eigenen kreativen Stil hat Tina Schönwald entwickelt, die in ihrem Atelier Roststätte in der Glockengießerstraße 50 faszinierende und unkonventionelle Blicke auf das Leben in Lübeck wirft.

Unprätentiös und unangepasst

Gemäle Tina Schönwald Mann mit Flügeln

Tina Schönwald ist eine Beinahe-Lübeckerin. Sie stammt aus Curau und zog schon als ganz kleines Mädchen mit ihrer Familie in die Hansestadt, die sie seitdem nicht mehr losgelassen hat. Sie widmet sich gleich drei kreativen Betätigungsfeldern: der Fotografie, der Malerei und dem Texten, wobei ihre große Liebe der Fotografie gilt. Ihren ersten Fotoapparat bekam sie schon als Teenager. Und anders als der Papa damals befürchtete, war die Liebe zum Fotografieren kein Strohfeuer. Ganz im Gegenteil: parallel entwickelte sie ihr Talent zum Malen weiter, wobei sich ihr Malstil nicht ganz eindeutig definieren lässt. Tina Schönwalds Malereien sind wenig gegenständlich. Und sie ist definitiv nicht die Frau für rosa Blümchen.

Die dreifache Mutter und dreifache Großmutter hat sich ihre Kenntnisse und ihre kreativen Fertigkeiten über viele Jahre hinweg selbst angeeignet. Sie empfindet es sogar zuweilen als großen Vorteil, sich ihren Projekten ganz frei und ohne Grenzen und Vorgaben nähern zu können.

Atelier ganz ohne Patina

Portrait Inhaberin Atelier Roststätte
© privat

Erst seit einem Jahr präsentiert Tina Schönwald ihre Arbeiten in ihrem Atelier Roststätte in einem der typischen Lübecker Kaufleutehäuser der Altstadt, das die Handschrift der Künstlerin schon beim Betreten sichtbar werden lässt: dunkelgestrichene Wände im Präsentationsraum, die die Wirkung der großformatigen Fotografien und Gemälde verstärken. Farbreduzierte Fine Art Prints auf Alu Dibond wie zufällig an die Wand gelehnt. Ein bequemes Sofa, das schon einige Jahre auf dem Buckel hat und deshalb umso mehr dazu einlädt, sich fallenzulassen und die Kreationen ohne Zeitdruck auf sich wirken zu lassen. Der offene Durchgang zum geräumigen Arbeitsplatz der Künstlerin, von wo aus der Blick in eine grüne Gartenoase mit einer kleinen Terrasse fällt.

Geplant waren in Tina Schönwalds Atelier Lesungen und Vernissagen, Ausstellungen ihrer eigenen Werke, aber auch der Arbeiten befreundeter Künstler. Aufgrund der aktuellen Situation lassen sich diese Vorhaben zunächst nicht weiterverfolgen. Für die Inhaberin ist dies jedoch kein Grund nur abzuwarten. Sie bleibt in Bewegung, denn die Suche nach dem Dramatischen und dem Spektakulären im Unspektakulären treibt sie als Künstlerin und als Mensch an. Daher hat sie sich aufgrund der derzeitigen Pandemiesituation entschlossen, das Atelier samt Galerie in der Glockengießerstraße aufzugeben, so schön es auch ist; und ist nun auf der Suche nach einem Wohnatelier, gerne mit Werkstattcharakter, was dann hoffentlich langfristige Bleibe werden kann.

Fotografieren als inneres Bedürfnis

Fotografie Schönwald Parkaus Baustelle

Tina verspürte schon immer diese unbändige Sehnsucht, die sie umgebende Welt durch die Linse eines Fotoapparats zu betrachten und ihr durch ihren ganz eigenen unverstellten Blick Ausdruck zu verleihen. Da gab es in ihr diesen unüberhörbaren Ruf, genau die Orte aufzusuchen, an denen die meisten Menschen vorbeisehen. Es sind die Schmuddelecken, die Gegensätze und die Alltagssituationen, denen sie ihren aufmerksamen Blick schenkt. Sie liebt es, sich treiben zu lassen und sich Zeit zu nehmen, um Momente einzufangen.

Ihr Interesse an solchen verlorenen Orten passt zu ihrem nachdenklichen und suchenden Wesen. Es sind eben nicht die Postkartenmotive, die sie locken, sondern die Zufallsfunde am Wegesrand, die sie bei ihren Streifzügen durch die Stadt ablichtet.

Mit einer Antwort auf meine Frage, was sie bewegt, lässt sie sich Zeit. "Ich idealisiere gern den "tristen" Alltag. Jede Minute, jede Sekunde ist Existenz, und damit das Beste, was mir passieren kann. In vielen meiner Bilder ist ein bisschen Endzeitstimmung zu spüren, was aber für mich überhaupt nichts Düsteres oder Negatives hat. Nach einem Gewitter ist die Luft am klarsten und die Nacht ist am dunkelsten und kältesten kurz vor dem Morgengrauen. Jede Endzeit beinhaltet auch den Umbruch und den Neuanfang, der schon spürbar ist, weswegen mich Endzeitiges wohl schon immer fasziniert hat."

 

Lost places

Flyer Schönwald Kalender Lost in Lübeck

Tina Schönwald präsentiert ihre Arbeiten auf den unterschiedlichsten Plattformen. Sie ist Mitglied im Defacto Art e.V., stellte im Rahmen der Petrivisionen und der jährlichen Museumsnacht aus und vertrat Lübeck 2019 beim Internationalen Hansetag in Pskow in Russland. Aktuell steht die Jahresschau der Gemeinschaft Lübecker Künstler 2020 in der Kunsthalle St. Annen bevor.

Seit 2015 gibt die Fotografin den Kalender "Lost in Lübeck" heraus, der nicht nur noch bis Ende Dezember von dienstags bis freitags zwischen 13:00 und 17:00 Uhr in ihrem Atelier, sondern auch online und bei Hugendubel erhältlich ist. So lässt sich das Lübeck, das wir alle auch kennen – der Ort mit den Brüchen und den „rough sides“– nach Hause holen. Unbedingt empfehlenswert für alle, die Perspektivwechsel lieben.

Der Hafen und der Bahnhof sind übrigens die Plätze, die Tina Schönwald immer wieder anziehen. Orte zum Ankommen und Abfahren, wie mir auffällt. Orte, die für das Unterwegssein als Künstlerin und als Mensch stehen.

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